Die Zeitlosigkeit des Seins - 15.12.2025
Ich habe mir selbst das grösste Geschenk gemacht.
Von November 2024 bis November 2025 bin ich um die Welt gereist – und habe mich bewusst dafür entschieden, jene Dinge in meinem Leben zu priorisieren, die mich wirklich glücklich machen. Vor allem aber habe ich mich entschieden, mich selbst kennenzulernen: ohne Job, ohne mein gewohntes Umfeld, ohne sozialen Status – ohne Maske.
Im Alltag hier in der Schweiz war ich nicht glücklich. Ich spürte deutlich, wie mir die Zeit für mich und mein Leben fehlte. Zeit zum Atmen. Zeit zum Nachdenken. Zeit, einfach zu sein – ohne ständig etwas tun zu müssen. Allein dieses «Müssen» ist vom körperlichen Energiefluss her schon schwierig. Aber dazu vielleicht ein andermal mehr.
Seit etwas mehr als einem Monat bin ich zurück in meiner Heimat. Die Landung war hart. Nicht nur, weil Winter ist und die Tage kalt, neblig und kurz sind – sondern weil ich wahrnehme, wie anders hier die Menschen und ihre „Uhren“ ticken. Alles ist organisiert, pünktlich, effizient. Und nur selten sehe ich entspannte Gesichter oder ein Lächeln. Das stimmt mich nachdenklich.
Am Geburtstagsfest von einem meiner Lieblingsmenschen wurde ich gefragt:
«Angi, ist die Zeit auf deiner Reise schnell vergangen?»
Diese Frage hat mich innehalten lassen. Denn ich konnte sie nicht wirklich beantworten. Und genau daraus ist dieser Text entstanden.
Nach heutigem Stand der Kosmologie, unter anderem gestützt auf Erkenntnisse der Planck-Mission der ESA (Europäische Weltraumorganisation), begann Raum und Zeit mit dem Urknall vor rund 13,8 Milliarden Jahren. Ich selbst bin vor 36 Jahren geboren und war etwas mehr als ein Jahr allein unterwegs. Diese Zahlen und meine Aussage wirken bedeutungslos – und doch haben sie mein Verständnis von Zeit verändert.
Eckhart Tolle hat ein wunderbares Buch geschrieben: «Jetzt! Die Kraft der Gegenwart». An dieser Stelle möchte ich dir von Herzen empfehlen, dieses Buch zu lesen. Tolle beschreibt, dass Zeit nur im psychologischen Sinn existiert – nicht im Sein.
Für ihn gibt es nur einen Moment, der real ist: das Jetzt.
Die Vergangenheit existiert lediglich als Erinnerung im Geist.
Die Zukunft existiert nur als Vorstellung.
Das Leben geschieht immer jetzt.
«Es hat nie eine Zeit gegeben, in der dein Leben nicht Jetzt war.»
Tolle unterscheidet zwischen praktischer Zeit und psychologischer Zeit.
Die praktische Zeit umfasst Uhrzeit, Planung, Termine und Organisation – sie ist notwendig und sinnvoll.
Die psychologische Zeit hingegen ist laut Tolle die Quelle unseres Leidens. Sie zeigt sich in Sorgen, Schuldgefühlen, Sehnsüchten und Ängsten.
Leiden entsteht, wenn wir emotional im Gestern oder im Morgen leben. Beides hält uns vom Frieden des gegenwärtigen Moments fern.
Und unser Ego lebt von Geschichten:
«Damals war …»
«Wenn ich erst …, dann werde ich …»
Für Tolle sind Zeit und Ego untrennbar miteinander verbunden. Viele Menschen warten auf Erleuchtung, Heilung oder das «richtige Leben» – weil vorher noch dieses oder jenes geschehen müsse. Doch genau das bezeichnet Tolle als Illusion.
Frieden, Glück, Freude, Klarheit und Erwachen sind immer nur im Jetzt zugänglich. Wenn wir ganz im gegenwärtigen Moment sind, verändert sich unser Zeitempfinden: Die Zeit vergeht entweder gefühlt schneller – oder sie löst sich ganz auf. Die Gedanken werden leiser, und die Verbindung zu uns selbst wird wieder spürbar.
Das nennt Tolle die Zeitlosigkeit des Seins.
Die Essenz seines Buches lässt sich für mich so zusammenfassen:
Zeit ist ein Werkzeug – aber kein Ort zum Leben.
Das Leben geschieht nicht in der Zukunft. Es findet jetzt statt.
Das Inselleben, das Meer, die Sonne, die Menschen und das Tauchen haben mich auf meiner Reise immer wieder unmittelbar ins Jetzt geführt. Ich habe gelernt, diesen Momenten Raum zu geben und sie bewusst zu leben.
Ich glaube, sogenannte «Insel-Menschen» priorisieren Zeit anders. Auch sie arbeiten und leisten – doch sie geben dem Jetzt mehr Gewicht. Ich selbst habe früher viel Zeit mit Planen, Sorgen und Warten auf «bessere Zeiten» oder die nächste Fernreise verbracht. Das Inselleben hat mich gelehrt, meine Zeit neu zu ordnen und anders zu priorisieren.
Braucht es dafür eine 13-monatige Reise? Vielleicht. Für mich ja.
Doch ich bin überzeugt, dass wir auch im Alltag immer wieder aus der Zeit aussteigen können:
Indem wir unseren Atem spüren, den Körper wahrnehmen, Geräusche hören – ohne sie zu bewerten. Und uns bewusst werden, wie wir unsere Zeit priorisieren.
Und vor allem, indem wir dem jetzigen Moment erlauben, so zu sein, wie er ist.
Wo immer du bist – sei ganz dort.
Und um die ursprüngliche Frage zu beantworten, ob die Zeit meiner Reise schnell vergangen ist:
Ich kann es nicht wirklich sagen. Denn mein Zeitempfinden hat auf dieser Reise irgendwie aufgehört zu existieren.
Und genau das ist etwas, das ich allen Menschen von Herzen wünsche.
Angela